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Fledermaus-Schutz

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Arbeitskreis Fledertierschutz Solingen e.V. AKFSG

Umweltschutzpreis Solingen1998

Fledermäuse brauchen Freunde!

Rede des Oberbürgermeisters der Stadt Solingen, Herrn Ulrich Uibel,

zur Verleihung des Umweltschutzpreises 1998 der Stadt Solingen

an Michèle, Helmut und Annette Pötzsch

P8292224.jpg (15705 Byte)     Samstag, 5. September 1998, 10 Uhr, in der Stadtkirche

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Familie Pötzsch,

Fledermäuse brauchen Freunde. Als ich diesen Slogan auf einem Infoblatt der Arbeitsgemeinschaft Fledertierschutz las, mußte ich unwillkürlich schmunzeln. Einige von Ihnen erinnern sich vielleicht mit Vergnügen an die Lektüre vom `kleinen Vampir`. Doch so heiter wie diese witzigen Fantasiegeschichten ist die Wirklichkeit leider nicht. Viele Fledermausarten sind vom Aussterben bedroht. `Was geht mich das an?` mag so mancher denken und zur Tagesordnung übergehen.

Eine ganze Familie, die das nicht getan hat, wird heute den Umweltschutzpreis der Stadt Solingen 1998 entgegennehmen. Michèle, Helmut und Annette Pötzsch.

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Seit vielen Jahren bemühen sie sich in Wort und Tat um die durch die Expansion des Menschen bedrohte Tierart. Interesse, gezielte Informationssuche und Erfahrung machten sie zu Experten, die ihr großes Wissen heute an andere weitergeben. Einsicht und Verständnis für das komplizierte Zusammenspiel in der Natur sind Voraussetzung für einen respektvollen Umgang mit pflanzlichen und tierischen Lebewesen. Die Werbung um weitere Verbündete macht deshalb einen wichtigen Teil der Arbeit auch von Naturschützern aus. Auf der Pötzschen Terrasse werkelten Jugendliche im Rahmen des diesjährigen Ferienspaßes zum Beispiel beim Bau von Fledermauskästen, die den Tieren Ersatz für die selten gewordenen natürlichen Unterkünfte bieten sollen.

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Und weil ein isolierter Schutz nur einer Tierart nicht denkbar ist, arbeiten Michèle und Helmut Pötzsch in anderen Umweltorganisationen mit. Ohne Feuchtbiotope keine Insekten. Ohne Insekten keine Fledermäuse - so lautet der klare Zusammenhang. Deshalb ist auch der heimische Garten in Ohligs längst nicht mehr die gepflegte Rasenfläche mit Swimmingpool, der er war, bevor Familie Pötzsch sich hier niederließ. Den ehemaligen Pool hat die Natur heute so ausgestattet, daß Frösche aus dem Lochbachtal ihn für einen Ortswechsel wert erachteten. Und den ehemals simpel grünen Rasen überwuchern jetzt zahlreiche Pflanzenarten. Daß selbst auf so kleinem Raum ein Gleichgewicht entsteht kann, erleben staunende Besucher bei Kuchen auf der Terrasse. Selbst Wespen finden hier ausreichend andere Nahrung.

Die Freude an der Natur, die auf kleinem Raum `Herr im Haus` sein darf, verschließt nicht die Augen vor den umweltpolitischen Zusammenhängen. `Wenn die großen Naturräume zerstört werden, hilft auch kein Netzwerk von kleinen, privaten Nischen`.

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Sich für den Erhalt einer für alle Arten lebenswerten Umwelt einzusetzen, bedeutet also Aktivität auf verschiedenen Ebenen. Die wichtigste für die Familie Pötzsch ist dabei wohl die praktische Arbeit. Das beginnt beim Bau von Fledertierkästen, die hoch oben in Bäumen angebracht werden müssen. Weiter geht es mit der Auflistung von Stollen und alten Bierkellern, Luftschutzkellern aus dem zweiten Weltkrieg, die Fledermäusen als Winterquartiere dienen.

Leider ist es mit der Auflistung nicht getan, zum Teil müssen die Eingänge mit ganz massiven Metallwehren gegen gedankenlose oder gar zerstörungswütige Zeitgenossen geschützt werden. Der spektakulärste Teil der praktischen Arbeit besteht wohl darin, geschwächte oder verletzte Tiere zu Hause aufzupäppeln. Michele und Helmut Pötzsch sind inzwischen in Solingen für Fledermäuse, was Ulrich Siewers, ebenfalls Umweltschutzpreisträger der Stadt, für die Vögel ist: recht bekannte Experten. Wer irgendwo eine Fledermaus findet, wendet sich entweder direkt an die Fledermaus-Hotline der Familie oder wird über die Gräfrather Fauna oder den Ohligser Vogelpark weitervermittelt.

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Schon so manches Tier ist dank der kundigen Pflege und regelmäßiger, frischer Mehlwurm-Mahlzeiten wieder gut zu Kräften gekommen. Einmal haben sie einen Abendsegler, von Spaziergängern im Lochbachtal gefunden, viereinhalb Stunden lang von Baumharz gesäubert. Dabei entstand eine überraschende Erfahrung: Die Tierchen, so klein sie sind, spüren offentsichtlich die lauteren Absichten der `Pflegeeltern`. Keines zeigte sich jemals aggressiv.

Dem Ziel, den Tieren wieder mehr Lebensraum zu eröffnen, diente auch die Gründung des Arbeitskreises Fledertierschutz Solinen e.V. mit immerhin rund 25 Mitgliedern. Und wer beim Surfen im Internet einmal http://akfsg.sg-net.com angewählt hat, dem bleiben kaum noch Fragen offen zum Thema Fledermaus in Wort und Bild. Hier ist einfach der berufliche Hintergrund von Helmut Pötzsch nicht zu leugnen, dem gelernten Dipl.-Ing. für Elektrotechnik und an seiner Schule zuständig für die Informatik.

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Wie kommt jemand mit einer so nüchternen Ausbildung - Ehefrau Michèle ist Rechtsanwältin von Beruf und damit auch nicht unbedingt näher am Thema - zu einem so speziellen - um nicht zu sagen exotischen - Interessengebiet wie den Fledermäusen? Diese Frage drängt sich auf und führt zu einer hübschen internationalen love story.

Als der deutsche Student der Elektrotechnik und die Jura-Studentin aus dem französischen Baskenland sich vor 29 Jahren kennenlernten, diskutierten sie schon bald über Fragen des Woher und Wohin, über die Bedeutung von Herkunft und kulturellen Wurzeln. Ganz frühe Zeugnisse dieser Wurzeln in Form von Steinmalereien liegen in den bekanntesten Höhlen Europas: in Lascaux und Altamira. Helmut und Michele fuhren hin und zogen starke Erlebnisse aus dem, was heute nur noch ganz wenigen Auserwählten offensteht. Fortan wurde die Höhlenforschung zum gemeinsamen Interessengebiet. Und der Weg zu den Fledertieren war nicht mehr weit. Zumal diese Tiere in großer Zahl Michèles Kinder- und Jugendjahre begleitet hatten - vor der Trockenlegung großer Sumpfgebiete bei Bayonne und Biarritz.

Als das junge Paar sich dann für Deutschland als Wohnsitz entschied, rückten Höhlen und damit Fledermäuse erst einmal in weitere Entfernung. Meint der Laie. Aber weit gefehlt. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es mehr als 1000 Höhlen ab fünf Meter Länge. Die bekannteste ist wohl die Klutert-Höhle. Und die Familie Pötzsch kennt viele davon.

Auch Tochter Annette, die heute vierzehn Jahre alt ist. Das Hobby hat sie von ihren Eltern übenommen. Sie ist begeistertes Miglied einer Höhlenforscher-Gruppe in Ennepetal. Fast selbstverstädlich, daß sie sich auch mit Fledertieren bestens auskennt. 1994 erhielt sie den ersten Preis der Regionalgruppe beim Jugendwettbewerb der Sparkassen zum Thema `Bedroht, Geschützt, Gerettet`, an der Aktion Ferienspaß war sie noch in diesem Sommer genauso aktiv beteiligt wie an Wiesenmahd und anderen Naturschutzaktionen.

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Ihre Elten sehen das - verständlicherweise - mit Freude. `Natur- und Artenschutz ist einfach Teil unseres LebensA, sagen sie. Ihrer Tochter wollen sie die Möglichkeit lassen, den eigenen Weg zu finden. Daß der bisher an Höhlen und Fledermäusen nicht vorbeiführt, ist wohl die Bestätigung ihrer Erfahrung: Die Arbeit muß auch Spaß machen. Und der - das ist im Gespräch mit den Pötzschens gar nicht zu übersehen - ist ihnen erhalten geblieben, auch jetzt noch, wo ein Teil des einstigen Hobbys längst zur Verpflichtung geworden ist - zur selbst übernommenen Verpflichtung, das gewachsene Expertentum weiterhin einzusetzen für den Erhalt einer bedrohten Tierart, die, verschwände sie aus diesem Land oder gar von dieser Erde, auch die Menschen um spezielle Lebensräume, vielleicht um schön-melancholische Stimmungen und um so manche Geschichten und Erinnerungen ärmer machen würde.

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In diesem Sinne bedanke ich mich im Namen der Stadt Solingen bei Ihnen, Michèle, Helmut und Annette Pötzsch, für Ihre engagierte, naturschützerische Arbeit und wünsche Ihnen für die Zukunft, daß sich Begeisterung, Freude und Engagement erhalten mögen, und daß Ihr beherzter Einsatz den Erfolg zeitigt, den Sie sich wünschen und der unser aller Lebenswelt bereichert. Möge Ihr Grundsatz `Das Abenteuer beginnt direkt vor der Tür. Man muß es nur erkennen` noch viele Mitbürgerinnen und Mitbürger zu Streitern für eine gesunde Umwelt machen.

Ich gratuliere Ihnen herzlich zum Umweltschutzpreis 1998 der Stadt Solingen.

Vielen Dank.

P8293423.jpg (30225 Byte)                 Der Dank der Preisträger:

Ein Vortrag über Fledertiere und deren Schutz in 3 D- Raumbildtechnik (hier die Verteilung der Polarisationsbrillen).

Pressespiegel:

http://www.solingen-online.de/st-hintergrund-98/mensch/0709poetzsch.htm